Der Bandscheibenvorfall
Bruno Zumstein
Wird die Krankheit häufiger?
Die Krankheit wird heute nicht immer häufiger. Hingegen wird die Diagnose häufiger gestellt, weil die Untersuchungsmethoden einfacher und sicherer geworden sind. Die Operation hat in den vergangen drei Jahrzehnten einen starken Aufschwung erfahren: - weil die Krankheit heute besser diagnostiziert werden kann und weil der Mensch heute weniger als früher bereit ist, Schmerzen zu ertragen. Die Leidensfähigkeit des Menschen hat ganz allgemein abgenommen.
Ein Bandscheinbenvorfall ist eine Abnützungserscheinung der Wirbelsäule und kommt am häufigsten in der Kreuzgegend vor. Durch den Vorfall wird die benachbarte Nervenwurzel eingeklemmt. Dies führt zu Schmerzen, die vom Kreuz ins Bein ausstrahlen. Wenn physikalische Massnahmen keine genügende Besserung bringen oder wenn Lähmungen auftreten, ist ein operativer Eingriff zur Befreiung des Nervs notwendig. Die Operationsresultate sind bei 80 Prozent der Fälle dauerhaft gut bis sehr gut.
Ein Bandscheibenvorfall entsteht durch chronische Ueberlastung der Wirbelsäule und dadurch bedingte Abnützung der Bandscheiben. Am häufigsten kommt dies im Bereiche der Lendenwirbelsäule vor, also in der Kreuzgegend, wo die stärksten Kräfte einwirken.. Gewichte bis zu 700 Kilogramm müssen von den Bandscheiben als Druckpolster aufgefangen werden. Trotz dieser wichtigen Funktion werden die Bandscheiben vom Körper schlecht ernährt, da es keine direkte Blutversorgung gibt. Beim ersten Aufstehen des Kleinkindes werden die ursprünglich zuführenden Blutadern abgedrückt, und die Ernährung erfolgt nur noch durch Diffusion aus der Nachbarschaft. Schon beim vierjährigen Kind können Abnützungserscheinungen gefunden werden. Im Verlaufe des Lebens nimmt die Belastung aber noch wesentlich zu. Körperliche Beanspruchungen sind für die meisten von uns unvermeidlich. Durch Fehlhaltungen werden die Bandscheiben zusätzlich überlastet. Dies geschieht nicht nur bei der Arbeit, sondern auch in der Freizeit, zum Beispiel beim Fernsehen in lässiger Sitzstellung.
Erscheinungsbilder
Plötzlich ist es dann soweit, der erste "Hexenschuss" stellt sich ein. Im Faserring ist ein erster Riss entstanden und verursacht heftige Kreuzschmerzen (siehe Abbildung). Weitere Risse schwächen den Faserring zunehmend. Eines Tages genügt eine kleine Ueberanstrengung oder eine "dumme" Bewegung, und die Bandscheibe wird herausgedrückt. Dies bewirkt eine Kompression der dahinterliegenden Nervenwurzel, und es entsteht neben den Kreuzschmerzen ein ausstrahlender Schmerz entlang diesem Nerv, der ins Bein hinunterführt (Ischiasschmerz). Es können auch Gefühlsstörungen oder sogar Lähmungen auftreten. Sind diese neurologischen Ausfallserscheinungen nicht allzu stark, so wird vorerst einmal eine konservative (nicht operative) Behandlung, wie Wickel, Massage und Strecken, durchgeführt.
Versagen diese Methoden, so ist eine operative Sanierung angezeigt. In schweren Fällen ist die Operation gelegentlich sogar dringend notwendig. Die Diagnose wird heute meistens mit einer Computer-Tomographie der Wirbelsäule (Röntgen und computer-technische Darstellung eines Körperteiles in Einzelschichten) gestellt.

Die Operation
Bei der Operation wird die Wirbelsäule von hinten eröffnet und die Nervenwurzel durch Entfernung des vorgefallenen Bandscheibenmaterials dekomprimiert. Anschliessend wird auch das weiche und degenerierte Gewebe, das sich noch im Bandscheibenraum befindet, herausgelöst. Zus Schonung der heiklen Strukturen kommt heute das Operationsmikroskop zum Einsatz. Es wird nicht die ganze Bandscheibe entfernt. Gesunde Anteile bleiben zurück. Es wird nichts eingepflanzt oder versteift. Nach einem reinen Bandscheibenvorfall ist dies nicht notwendig.
Risiko der Operation
Die Gefahren der Operation sind nicht gross. In seltenen Fällen kommt es zu einer Läsion der Nervenwurzel mit meistens vorübergehenden Gefühlsstörungen oder Lähmungserscheinungen. Die Risiken einer Narkose sind bei gutem Allgemeinzustand des Patienten heute sehr gering.
Die Operation ist häufig. In Winterthur werden durchschnittlich 250 Bandscheibenoperationen pro Jahr durchgeführt. Die meisten Patienten sind zwischen 30 und 60 Jahre alt. Nach der Operation wird der Patient sofort mobilisiert. Jeden Tag sind etwas grössere Gehstrecken möglich. Am zehnten Tag erfolgt in der Regel der Spitalaustritt.
Anschliessend ist eine physikalische Therapie zur Stärkung der Rückenmuskulatur notwendig. Diese wird entweder ambulant in einem Institut für Physiotherapie oder stationär in einer Rheumaklinik durchgeführt.
Resultate und Prognose
Das Hauptziel der Operation ist die Befreiung des durch den Bandscheibenvorfall komprimierten Nervs. Bei 95 Prozent der Fälle verschwinden die ausstrahlenden Schmerzen sofort oder innert weniger Tage. Leichte Lähmungen erholen sich im Verlaufe von mehren Wochen . Starke Lähmungen können bestehen bleiben. Die Rückenbeschwerden bessern im Laufe von Wochen und Monaten. Ein gewisser Rückenschaden und eine dadurch etwas verminderte Belastbarkeit der Wirbelsäule bleibt zurück. Zur Stärkung der Rückenmuskulatur wird deshalb nach der Operation eine intensive physikalische Therapie durchgeführt. Gleichzeitig wird die Rückendisziplin zur Vermeidung weiterer Bandscheibenschäden instruiert.
Im Verlauf von zehn Jahren werden zehn Prozent der Patienten wegen einer weiteren Diskushernie operiert, entweder an der selben Bandscheibe (echter Rückfall) oder einer benachbarten. Bei weiteren zehn Prozent der operierten Patienten treten erhebliche Restbeschwerden auf, die nicht auf einem Bandscheibenvorfall beruhen und nicht operiert werden können. Diese Schmerzen kommen durch degenerative Veränderungen in den Wirbelgelenken oder durch beginnende Bandscheibenschäden auf anderen Höhen zustande. Häufig spielt auch das psychosoziale Umfeld eine Rolle, insbesondere bei Patienten mit einem körperlich strengen und vielleicht auch noch unbefriedigendem Beruf.
Bei 80 Prozent der Fälle sind die Operationsresultate somit gut bis sehr gut. Nach zwei Monaten kann in der Regel die Arbeit wieder aufgenommen werden. Intensivere sportliche Betätigungen sind nach sechs bis zwölf Monaten wieder möglich. Von Leistungssport muss jedoch abgeraten werden. Es gibt allerdings einen ehemaligen Abfahrtssieger im Skiweltcup, der eine Bandscheibenoperation hinter sich hatte. Nach einer solchen Rückenoperation sind keine besonders komplizierten Regeln zu beachten. Es ist einfach ratsam, sich vernünftig zu verhalten, wie es auch für Menschen ohne Kreuzschmerzen gilt.
Die Operation ist absolut notwendig bei:
- Lähmungserscheinungen in den Beinen und Blasenfunktionsstörung
- Plötzlichen und wesentlichen Lähmungserscheinungen
Die Operation ist relativ notwendig bei:
- Anhaltenden Ischiasschmerzen (trotz physikalischer Behandlung)
- Gehäuften Schmerzrückfällen
Die Operation ist nicht angezeigt bei:
- Kreuzschmerzen ohne Ausstrahlungen ins Bein
- Unklarer Diagnose
- Fehlender Bereitschaft des Patienten
- Wirbelsäulehypochondern