Rückenmarksverletzung/ - Erkrankung
Volker Dietz
Unfälle und Krankheiten können jedem Menschenleben eine plötzliche und dramatische Wendung geben. Jedes Jahr werden in der Schweiz gegen 200 Menschen querschnittgelähmt. Hauptursachen sind Verkehrs- Sport- und Arbeitsunfälle. Sie betreffen Menschen aus allen Altersgruppen, am häufigsten jedoch junge Männer.
Je nach Lage der Verletzung oder Erkrankung im Rückenmark sind unterschiedliche Folgen zu erwarten. Läsionen im Brust- und Lendenbereich führen zu Paraplegie (Lähmungen der Beine), Läsionen im Halsbereich zu Tetraplegie (Lähmungen der Hände, Arme und Beine). Mitbetroffen sind in unterschiedlicher Form die Rumpfmuskulatur, die Blase, der Darm, die Atmung, der Kreislauf und die Sexualfunktion.
Querschnittlähmung bedeutet neben der körperlichen auch eine seelische Herausforderung. Betroffene müssen die Angst vor Abhängigkeit überwinden und neuen Lebensraum entdecken. Angehörige und Freunde müssen lernen, die behinderungsbedingten Veränderungen auch in ihr Leben sinnvoll zu integrieren. Um das Potential körperlicher Erholung maximal ausschöpfen zu können, brauchen Querschnittgelähmte ihre ganze Kraft und eine optimale Betreuung.
Das Schweizerische Paraplegikerzentrum Balgrist in Zürich ist ein hochspezialisiertes Zentrum für die Diagnostik, Behandlung und Pflege von rückenmarkverletzten und erkrankten Patienten. Dazu gehört die Akutversorgung mit Möglichkeiten der Intensivbehandlung, Erstrehabilitation und ambulante Nachbetreuung.
Im Balgrist verfügt man über einen Erfahrungshintergrund von über 20 Jahren. Wir erheben den Anspruch, mehr als ein "normales" Paraplegikerzentrum zu sein. Als Universitätszentrum mit einer Abteilung für Paraplegiologie-Forschung entwickeln wir neue Therapiemethoden und machen diese für die Patienten nutzbar. Um eine optimale und umfassende Betreuung unserer Patienten zu erreichen, haben wir in Jahren enger Zusammenarbeit und Kommunikation im Team gemeinsam Ziele erarbeitet und unser Selbstverständnis definiert. Dies wurde möglich, weil unser Zentrum mit seinen 46 Betten und 90 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern überschaubar ist.
Jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter kennt und beherrscht nicht nur das eigene Spezialgebiet, sondern ist durch Hospitierung und ständige Fortbildung auch mit den Arbeitszielen und Methoden anderer Fachbereiche des Paraplegikerzentrums vertraut. Hierdurch ergeben sich eine Verzahnung der Kräfte und ein wechselseitiges Verständnis für die therapeutischen, medizinischen, pflegerischen und sozialen Anliegen und Prioritäten, die unseren Patienten zugute kommen.
Als Universitätszentrum setzen wir Untersuchungs- und Behandlungsmethoden ein, die höchstem internationalen Standard entsprechen. Zugleich streben wir jedoch fortlaufend die Entwicklung neuer Methoden an und überprüfen deren Wirksamkeit nach wissenschaftlichen Kriterien.
Unsere Patienten haben während des ganzen Aufenthalts und auch später bei ambulanten Kontrollen oder telefonischen Anfragen immer die gleiche Ansprechperson, den Stationsarzt, bzw. die Stationsärztin, an die sie sich jederzeit vertrauensvoll wenden können. Sie koordiniert und verordnet alle diagnostischen und therapeutischen Massnahmen. Unterstützt wird sie dabei von Oberärzten, der leitenden Aerztin und dem Chefarzt.
Sofort nach Auftreten einer Querschnittlähmung werden Ausmass und Art der Schädigung des Rückenmarks durch spezielle Diagnostik präzise bestimmt. Damit können die Aussichten auf Erholung der Nervenbahnen besser abgeschätzt werden. Danach richtet sich auch die Auswahl der Therapiemassnahmen. So wird eine optimale Therapieplanung im Hinblick auf realistische Ziele erreicht. Durch die gezielte Anwendung modernster Untersuchungseinrichtungen und methoden arbeiten wir konsequent in diese Richtung.
Das eingespielte Team von Fachärzten aus verschiedenen Disziplinen (Neurologie, Innere Medizin, Urologie, Orthopädie, Radiologie, Anästhesie, Intensivmedizin) behandelt querschnittgelähme Patienten nach modernsten Erkenntnissen und Methoden. Mit eigenen Spezialistinnen und Spezialisten und in enger Zusammenarbeit mit Spezialisten aus anderen Kliniken bieten wir für stationäre und ambulante (und selbstverständlich auch für nicht-querschnittgelähmte) Patienten umfassende medizinische Dienstleistungen an:
Allgemeine ärztliche Sprechstunden
Medizinische Abklärung und Behandlung aller querschnittbedingten Funktionsstörungen und Komplikationen. Beauftragung ergotherapeutischer, physiotherapeutischer, psychologischer und sozialberaterischer Konsilien und Behandlungen nach Bedarf.
Sexualität
Beratung in allen Fragen der Sexualität, Fertilität und Schwangerschaft bei Querschnittlähmung.
Urodynamisches Labor und Urologie
Diagnostik, Prävention und Therapie aller Blasenstörungen (Inkontinenz, Entleerungsstörungen, Infekte, etc.) und der damit verbundenen Probleme. Implantation von Blasenschrittmachern.
Schmerz
Diagnostik und Therapie von Schmerzen bei Querschnittgelähmten.
Neurologie
Untersuchung und Beurteilung von Funktionsstörungen der peripheren Nerven und des Rückenmarks.
Haut
Decubitusprophylaxe; konservative Behandlung oder chirurgisch-plastische Deckung bei Druckgeschwüren der Haut.
Handchirurgie
Funktionsverbesserungen durch Muskel-Sehnen-Transplantationen bei Tetraplegie.